Bergsteigen und Klettern im Tannheimer Tal, Oktober 2005:

Rote Flüh, Schartschofen und Gimpel


Bericht über ein gelungenes Bergsteiger-Wochenende:

- eine unfreiwillige Autorally,
- einen Klettersteig
- Bettgeschichten,
- eine Klettertour in der Gimpel SO-Wand,
- einen Verungl
ückten

Der Berg rief spät in diesem Jahr. Aber bei den Wetterprognosen gab es Mitte Oktober kein Halten mehr. Spätsommerliche Temperaturen und strahlend blauer Himmel :-). Wie immer trafen wir uns am P&R-Parkplatz bei Esslingen. Komfortabel in weniger als 2 Stunden per Galaxy nach Sonthofen, wo mein Sohnemann zusteigt. Nun wäre es nur noch ein Katzensprung bis zum Ziel - wäre da nicht plötzlich der Pass nach Oberjoch gesperrt - überall standen 'Streckenposten' herum: "Oldtimerrennen, gesperrt ab 8 Uhr, da müsst ihr die Umleitung Rettenberg-Jungholz fahren" ... "Ohje, knapp eine Stunde Umweg". ... John versuchte eine Nebenstraße, aber auch da waren Streckenposten ... "Komm John, die fragen wir noch mal, schließlich ist es noch nicht 8 Uhr" (es war 7:59Uhr) ... Die Streckenposten winkten ab ... lächelten ... ließen mit sich reden ... und verhandeln ... benutzten ihr Sprechfunkgerät (wichtige Leute haben so etwas) ... und, tatsächlich sie ließen uns noch mal durchhuschen :-). Nette Leute, hier in Hindelang! Höflich wie John so ist, wollte er die Strecke natürlich nicht lange blockieren - und gab Gas ... in den Serpentinen quietschten die Reifen ... die vielen Streckenposten schauten dem 'ersten Rennwagen' scheinbar amüsiert zu ... Unterwegs faselte Martin irgendwas von Übelkeit ... John war in Höchstform: "Ha, mit dem Motorrad wär's noch viel schneller". In Oberjoch waren wir uns einig:
3 Minuten, absolute Bestzeit!!!  :-)




Wenig später war auf dem Pass dann die 'Hölle los'




8:30 Uhr: Wanderparkplatz Nesselwängle.


  
8:40Uhr Aufstieg, mit dem Ziel vor Augen: Die sonnenbestrahlte, Rote Flüh und das Gimpelhaus.

Nun wird's Zeit unser Team vorzustellen:
- John (unser Fahrer) mit alpiner Erfahrung,
- Martin, Thomas und Frederik: Alle mit Klettergartenerfahrung, jedoch keine alpine Kletter-Erfahrung,
- Jürgen (Autor dieser Zeilen) mit alpiner Erfahrung.

Samstag, Saisonende und Kaiserwetter - logisch, daß der Aufstieg nicht gerade einsam war. Viele Tagestouristen mit leichtem Gepäck - wir ließen uns nicht lumpen und hetzten mit voller Energie und mit unser x-mal schwereren Kletterausrüstung mit:


Höhenprofil des ersten Tages: gesponnene 600m/h Waren wir  denn auf der Flucht? ;-)

Beim Gimpelhaus wurde erst mal Lager bezogen
und die Betten mit Hüttenschlafsäcken belegt (hierzu später mehr). Trotz telefonischer Reservierung am Wochenanfang waren alle Zimmer bereits vergeben.


Und gleich weiter mit leichtem Gepäck weiter aufwärts zur Judenscharte. Hier, und auch weiter auf der Roten Flüh konnten wir hervorragend das ganze Massiv des Gimpels bestaunen. 
Auch waren viele Seilschaften zu bewundern. Der Westgrat war zum Greifen nah - da wollten wir also am nächsten Tag hinauf ... ganz schön luftig ... und das mit dreien, die noch nie stundenlang in so einer Wand gestanden sind ... das Herz rutschte vor Begeisterung doch etwas in Richtung Hose ;-)



Am Gimpel-Westgrat

Doch heute stand zum aufwärmen ja erstmal ein Klettersteig (KS) auf dem Programm. Sozusagen die Qualifikation für die 'Reifeprüfung' am nächsten Tag.
Auf der Roten Flüh war's brechend voll, wir wagten kaum 'Berg Heil' zu sagen und den Eintrag im Gipfelbuch ließen wir lieber ausfallen. Stattdessen ging's gleich weiter zum Einstieg des Friedberger KS.


Haldensee, von der Roten Flüh

Diese kleine Gradwanderung war doch sehr angenehm, weil bedeutend weniger begangen :-) nur streikten langsam Thomas' Knie. 1000hm im strammen Tempo sind für einen untrainierten Bürohengst doch manchmal zu viel ;-) Vom Wetter war nix schlechtes zu erwarten, also entschloß sich Thomas am Einstieg zu pausieren und auf unsere Rückkehr zu warten. Unterhaltung hatte er sicherlich, konnte er doch den ganzen KS einsehen. Der Rest der Mannschaft war bereits mit Hüftgurt und KS-Set eingekleidet, und wartete nur noch darauf, daß der Einstieg von den abkletternden Bergsteigern frei wurde. Nun sahen wir doch etwas wirklich Erstaunliches: Bei der entgegenkommenden Bergsteigerin hatte sich ein Seilstrang des KS-Set wie von Geiserhand gelöst - der Karabiner mir dem entsprechenden Seilstrang verblieb an der Drahtsicherung, die Bergsteigerin war somit ungesichert. Kaum auszudenken, wäre sie vorher mit dieser Pseudosicherung gestürzt. Vermutlich hatte sich im Laufe der Jahre der Knoten gelöst - der Schrumpfschlauch am letzen Seilzipfel täusche Sicherheit vor wo keine war ... ...gut, daß die Seilstränge der neueren KS-Sets nicht verknotet, sondern (tonnen-sicher) vernäht sind. Merke: Traue keinem Fremden, schon gar nicht einem solchen Knoten ...
Wir trauten unseren Knoten und konnten furchtfrei den komplett mit Drahtseil versicherten KS genießen. Schwierigkeit II+ und 100hm, der Spaß war viel zu schnell vorbei :-)

 

     




Aber nach der verdienten Mittagspause auf dem Schartschrofen konnten wir es ja noch einmal im Abstieg genießen :-) Frederik war in seinem Element und zeigte manch Erwachsenem wie man so einen KS meistert. Wieder zusammen mit Thomas noch mal knapp 250hm rauf zur Rote Flüh. Mittlerweile ist uns allen das, brüderlich geteilte Trinkwasser ausgegangen - wer rechnete schon damit in 2000m Höhe bei dieser Jahreszeit so arg ins Schwitzen zu kommen - ich jedenfalls nicht und so ging ich auch entsprechend auf dem Zahnfleisch (wie war das noch mit den untrainierten Bürohengsten? ;-) )  Nun schauten wir uns den Gimpel noch genauer an: Zwei leichte Klettertouren standen zur Auswahl: Der luftige Westgrat (lt. K-Führer im oberen Bereich nur mäßig gesichert) oder die SO-Wand (durchgehend gut gesichert - zumindest aus alpiner Sicht: d.h. nicht wie im Klettergarten alle 2m, sondern vielleicht alle 10- 15m ein Bohrhaken. Schisser sollten sich zusätzliche Sicherungen mitnehmen). Wir entschieden uns für die SO-Wand. UND ich nahm besonders reichlich Keile, Schlingen und Friends mit ;-)



   
Endlich wieder etwas Flüssigkeit ...

Abends auf der Hütte würde natürlich ordentlich Skat geklopft und John brauchte beim Überlegen erstaunlicherweise nur selten eine halbe Ewigkeit ;-)
Endlich bettreif - das waren wir eigentlich schon um 20 Uhr, aber die kirchliche Blasmusik mußte natürlich zeigen was sie sonst noch so drauf hat :-/
Wie gesagt, endlich auf ins gemachte Bett ...
... doch was war das, da lag schon ein weibliches Wesen - gar nicht so schlecht aussehend - in Johns Bett ... was gehen einem plötzlich, angeheitert wie man auf einer Hütte oft so ist für Gedanken durch den Kopf ..."dumm, daß John verheiratet ist - dumm, daß wir morgen ausgeschlafen sein wollen und warum liegt SIE in Johns Hüttenschlafsack? Ist SIE womöglich etwas d___?" Interessanter Weise versucht SIE sich auch noch zu rechtfertigen: SIE sei das erste mal auf einer Berghütte, und hätte gedacht, der Hüttenwirt war so nett und hätte die Betten (wir sind im Lager!) extra schon bezogen ... bei ca. 200 Gästen hätte 'er' allerdings dann viel zu tun gehabt, auch komisch, daß 'er' so viele verschiedene Hüttenschlafsäcke zu besitzen scheint ... John scheint SIE dann aber doch zu überzeugen und wir freuen uns auf die Bettruhe. (Abgesehen davon, daß sich Martins Hüttenschlafsack in Luft aufgelöst hat, und ich plötzlich aus dem Bett springen muß um einen gröhlenden Trunkenbold zur Besinnung zu bringen, abgesehen davon, daß ich weiterhin 3 mal aufstehe um das einzige Fenster im Lager immer wieder zu öffnen -  davon abgesehen waren wir alle am nächsten Morgen erstaunlich fit.)





Streckenführung SO-Wand, im rechten Bereich ist der Normalweg zu erahnen

Alles, was wir nicht zum Klettern für den Tag benötigen wir in der Hütte deponiert. Um 10:30 stehen wir am Einstieg -  das Abenteuer kann beginnen:
John und Martin bilden eine 2er-Seilschaft und klettern voraus. Als nächstes unsere 3er Seilschaft: Ich steige voraus, hinterher mit zwei 40m Halbseilen kommen Frederik und Thomas. Es ist ein herrlicher Kletterspaß, ständig im Bereich II bis III+.

 
Frederik und Thomas im Nachstieg


Ein Standplatz ist 35m, alle anderen sind 40 bis 45m auseinander, so daß ich sehr häufig Zwischenstandplätze einrichten muß. Statt der angegebenen 7 SL benötigen wir daher stolze 10 SL ! So auf halber Strecke, mittlerweile mehr als 125m Luft unter den Sohlen, wird den 'unerfahrenen' in meiner Seilschaft doch etwas mulmig zumute. Man steckt halt drin in der Wand und weiß, man kann nicht aussteigen und sagen, so jetzt reicht es. Moralisch zu schaffen macht uns dann allerdings noch ein tödlicher Absturz, den wir aus ca. 100m Luftlinie miterleben. Beim Abstieg auf dem Normalweg ist im IIer Bereich ein älterer Bergsteiger gestolpert. Wir sehen den zugedeckten Körper am Fuße des Berges liegen. Nach ca. 20 min kommt ein Hubschrauber, bei dem der Arzt den Tod feststellt, kurze Zeit später kommt ein zweiter Hubschrauber um die Leiche aufzunehmen. Dies trübt natürlich die Freude unserer Bergtour: So ganz verdrängen kann man das soeben erlebte nicht, zumal wir die Unglücksursache nur ahnen können.

 




Später, beim Abstieg kommen wir an die vermeintliche Unfallstelle und sehen, daß an dieser gefährlich glatten Stelle eine Abseilöse zum sicheren Abseilen einlädt ... Aber wie gesagt, wir sind ja erst auf halber Höhe und wir kämpfen uns weiter durch einen ca. 10m langen Kamin. Hier ist volle Konzentration gefragt und der Kletterspaß ist wieder zu spüren.




 

Die letzten Meter zum Gipfel (2176m)


Mittags um 2 Uhr sind wir auf dem Gipfel (2176m). Ausgiebige Rast und Vesper von einer Stunde, bevor wir den Abstieg über den Normalweg wagen. Auf dem Grat ist es eine leichte, seilfreie Kletterei (I), im unteren Bereich, wie erwähnt seilen wir ab.

 

Zurück auf sicherem Boden wandern wir auf ein Bier zur Tannheimer Hütte, holen unser restliches Gepäck am Gimpel Haus ab und gehen die 500hm zum Parkplatz gemütlich in einer knappen Stunde bergab.



Höhenprofil des zweiten Tages


Bei Haldensee lassen wir bei der Kulisse von 'Via Mala' im Restaurant 'Rote Flüh' das erlebnisreiche Wochenende ausklingen. Wie gewohnt, bringt uns John sicher heimwärts.




JD